Und jetzt im fünften Vers, dort kommt jetzt ein wichtiger Vers.
„Durch Samyama entsteht Jaya und Prajna.“
Jaya heißt Meisterschaft und Prajna heißt direktes Wissen. Und da wird noch zusätzlich, um das klar zu machen, es ist Aloka-Prajna, das Licht direkten Wissens. Direktes Wissen, wenn ihr euch so erinnert an das erste Kapitel, Yoga Sutra, manche werden sich vielleicht noch erinnern, das war ja das erste, was ihr dort gelernt habt. Es gibt drei Quellen korrekten Wissens, das ist direktes Wissen, Schlussfolgerung und Aussagen anderer. Und jetzt vom direkten Wissen gibt es wieder zwei Arten von direktem Wissen. Es gibt das sinnliche direkte Wissen und es gibt das direkte Wissen jenseits der Sinne. Die drei Arten von Wissen, die Patanjali dort zunächst beschreibt, das würde auch der modernen Wahrnehmungspsychologie und Kommunikationstheorie entsprechen. Patanjali sagt aber, es gibt so etwas wie ein objektives Wissen, das ist ein direktes Wissen, es ist kein intellektuelles Wissen, es ist kein über die Sinne vermitteltes Wissen, es ist kein Wissen, das wir durch Abwägen von Aussagen anderer haben, sondern dann, wenn wir in einer Sache ganz absorbiert sind und praktisch verschmelzen mit dieser Sache. Und dann verschmelzen wir nicht mehr mit dem, was wir für die Sache halten. Also nicht mit dem Klang und auch nicht mit dem Bild auch nicht letztlich mit dem Gefühl, sondern mit der Essenz der Sache an sich. Und wenn wir so in Samadhi mit einem Gegenstand verschmelzen und zwar nicht sinnlich verschmelzen, sondern, man kann sagen, bewusstseinsmäßig verschmelzen, dann ist das Samadhi, dann bekommen wir direktes intuitives Wissen, Prajna, und dann meistern wir diese konkrete Sache. Das klingt jetzt erstmal recht abstrakt, aber es ist letztlich etwas, was im Alltag eine große Rolle spielt, wenn wir nämlich die Samyama-Technik verwenden. Jetzt Samyama heißt, wenn diese drei aufeinander folgen, das ist eine Definition. Wir können aber auch Samyama definieren, Samyama ist eine bestimmte Form von Konzentration, die entspannt ist, sie ist im Hier und Jetzt und sie ist auf Verschmelzung gerichtet. Nehmen wir mal ein Beispiel, um es ganz konkret zu machen. Vielleicht manche von euch arbeiten in irgendeiner Firma, haben vielleicht Kollegen. Angenommen, es kommt ein neuer Kollege und ihr wollt jetzt herauskriegen, „Was ist das für ein Mensch?“ und „Wie kann ich mit dem gut zusammenarbeiten?“ Da gibt es jetzt verschiedene Möglichkeiten. Sicherlich, die genialste Möglichkeit wäre, mit ihm zu sprechen, man macht den Mund auf, man lädt ihn ein, man isst mit ihm zusammen, man zeigt ihm die Firma oder den Bereich und bemüht sich, irgendwo Kontakt aufzunehmen, so erfährt man eine Menge. Es gibt noch eine andere Möglichkeit, man kann andere fragen und dann, je nach dem, wen man fragt, kann man ein besseres oder auch ein schlechteres Bild bekommen, in jedem Fall kann man ein Vorurteil bekommen. Das ist deshalb vielleicht die am wenigsten geeignete Methode, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Eine nächste Möglichkeit ist, man beobachtet ihn. Und dann gibt es aber noch eine Möglichkeit und die kann jetzt die Kommunikation nicht ersetzen, aber sie kann sie ergänzen. Man kann probieren, sich auf den Menschen zu konzentrieren. Man kann versuchen, ihn zu spüren. Man kann probieren, ihn zu fühlen. Da kann man Vorstufen machen, indem man etwas mehr über ihn herausfindet, indem man da ein bisschen nachdenkt, „Was hat er so erlebt? Was hat er gemacht? Was war so? Was ist ihm wichtig?“, das kann man ja auch ein bisschen fragen. In Deutschland hat man so eine gewisse Neigung, die Privatsphäre zu achten, manchmal sehr stark zu achten und dabei hofft der andere, dass man Anteilnahme zeigt. Die meisten Menschen sind dankbar, wenn man sich für sie interessiert und dieses Interesse für einen anderen Menschen ist etwas, was einem hilft, dann irgendwie ihn zu erspüren. Und dann, wenn man aufhört, darüber nachzudenken, dann, wenn wir aufhören, zu erfragen, sondern zu erspüren, dann ist das Samyama. Vorstufen für Samyama kann eben Unterhaltung sein, auch nachdenken und überlegen und „Was weiß ich über ihn?“ usw. Eine Vorstufe kann sein, sich zu konzentrieren, wie er ausgesehen hat usw. Aber dann, wenn man sich auf diesen Menschen dann so ganz konzentriert und wirklich mit ihm eine Verbindung spüren will - gut, Verschmelzung ist vielleicht bei einem Kollegen etwas übertrieben, da gibt es vielleicht andere Menschen oder einen Menschen, auf dem man das vielleicht reservieren will - aber innerlich diese Verbindung und dieses Einheitsgefühl, dass kann man irgendwo spüren und dann gibt es ein intuitives Gespür, man versteht den Menschen, das ist Prajna. Und in Kollegenbeziehungen ist sicher am wichtigsten, man kommt gut miteinander zurecht, das wäre hier Jaya.
Ein weiteres Beispiel. Angenommen, ihr habt ein Knieproblem, rechtes Knie würde euch wehtun. Dann gibt es jetzt verschiedene Dinge, die man machen kann. Zum einen kann man herausfinden, „Was ist es?“. Eventuell muss man mal eine Orthopäden fragen, „Ist es was Schlimmes oder nicht?“ und vielleicht geht ihr sogar zu vier Orthopäden. Wenn ihr nämlich zu vier Orthopäden mit einem Knieproblem kommt, wie viel Meinungen habt ihr? Mindestens fünf, weil ihr mit der Sprechstundenhilfe vielleicht auch gesprochen habt und vielleicht auch noch zu einem Physiotherapeuten gekommen seid. Also, ich habe schon Schüler gehabt, da hat einer gesagt, es wäre eine Knochenhautreizung, die nächsten Meniskus und der nächste hat irgendwas von Gelenkentzündung und Arthritis, Arthrose gesagt. Alles der gleiche Mensch, nur zu unterschiedlichen Ärzten gegangen. Also, Knie ist ähnlich wie der Rücken, etwas ausgesprochen Komplexes und wenn nicht zügig eine eindeutige Diagnose dort machbar ist, das ist erstmal schulmedizinisch auch etwas anzusagen, dann wird man eben sagen, angenommen, man hat dann das Knieproblem, man könnte jetzt sagen, „O.k., es ist nicht genau festzustellen. Es ist irgendwo ein symptomatisches Knieproblem, das könnten hundert verschiedene Sachen sein.„ Es spielt auch keine allzu große Rolle, was es ist, denn die Behandlung ist ähnlich. Sanfte Bewegungen, z.B. Fahrradfahren, Vermeiden von Bewegungen, die wehtun und Stärkung der umliegenden Muskelgruppen und da würde z.B. der Held eine besondere Rolle spielen und dann muss man eben auch, wenn es in kreuzbeiniger Sitzhaltung wehtut, mehr an der Hüftflexibilität arbeiten und die Knie nicht belasten. Also, so kann man arbeiten. Man kann auch ayurvedische Gelenköle sich aufschmieren lassen. Man kann überlegen, fängt es vielleicht mit den Füßen an, man muss lernen, etwas besser zu gehen. Hat man die falschen Schuhe und mit Schuhen könnte es andersherum sein. Man könnte gucken, vielleicht sitzt man kreuzbeinig falsch, also muss man das ersetzen. Vielleicht muss man Hitze-Kälte-Anwendungen machen. Vielleicht muss man mehr Fahrrad fahren. Menschen, die immer im Winter Knieprobleme haben, aber im Sommer nicht, sind meistens Fahrradfahrer, die nur bei schönem Wetter Fahrrad fahren und deren Knie brauchen halt das Fahrradfahren und im Winter ist es das nicht. Also, so kann man so einiges überlegen. Man kann noch Heilerde draufsetzen oder Kohlverband oder, ich glaube, wenn ich euch jetzt noch eine Stoffsammlung geben lassen würde, hätten wir noch dreißig andere Möglichkeiten. Und es kann hilfreich sein, Verschiedenes auszuprobieren. Es kann natürlich auch noch eine Vergiftungserscheinung sein, also kann man eine Weile fasten, Rohkost, Trennkost, Ayurveda-Dosha-Diät üben. Kann man alles ausprobieren.
- Wird fortgesetzt -
Niederschrift eines Mitschnittes eines Yoga und Meditation Seminars bei Yoga Vidya mit Sukadev Bretz zum Thema „Entwickle geistige Kraft“
Letzte Kommentare